html> Fotoreflex.de - Aktuelles - Archiv
about me
Symbole
Natur
Presse
People
Reportage
Aktuelles
Home

Aktuelles - Archiv

Für die Dresdner Neueste Nachrichten vom 06.06.2007 - Lokalteil Radebeul, Coswig, Weinböhla

Eine Leidenschaft für brummige Insekten
Rückgang der Bienenvölkeranzahl und der fehlende Nachwuchs sind die Gefahren der sächsischen Imkerei

Hobby-Imkerin Ines Hugh aus Weinböhla mit einer Wabe

Der Respekt vor den kleinen Brummern ist groß, wenn man in ein süßes, leckeres Stück Kuchen beißen will und dicht am Gesicht eine Biene auftaucht. Das summen ist zu hören. Mancher würde gern nach Ihr schlagen, doch ihre Waffe, der Stachel wird hoch geachtet. Bei vielen Menschen löst ihre bloße Anwesendheit pure Angst und Aggression hervor. Doch etwa 2800 Imker in Sachsen haben für diese Insekten eine Leidenschaft entwickelt. Eine von ihnen ist Ines Hugh aus Weinböhla. Wenn sie ihren Imkerwagen aufschließt und bei ihren 14 Bienenvölkern ist, schlägt ihr Herz für diese noch höher. „Klar zucke ich bei einem Stich immer wieder zurück. Der Schmerz ist nicht mehr so schlimm, eher stört mich der Juckreiz hinterher“, so die Imkerin locker. Der Mittelgang in ihrem Imker-Wagen ist links und rechts durch eine Holzverkleidung begrenzt, dahinter befinden sich tausende von Bienen. Ines Hugh öffnet eine der kleinen Holztüren. Hinter einer Glasscheibe wuseln die Bienen auf den Waben herum. Bevor die Imkerin diese öffnet und die Waben entnimmt, zieht sie sich lieber den weißen Imkeranzug an. „Wenn man an ihr Heiligstes will, so können die Bienen doch mal aggressiv werden“, weiß Hugh aus eigener Erfahrung zu berichten. Für die 42-Jährige ist das Hobby zu ihrer Tätigkeit als Mutter und Hausfrau eine willkommene Abwechslung. Auch wenn es sie manchmal mehr einspannt als ihrer Familie recht ist. „Bis zu zwei volle Arbeitstage brauch ich für die Pflege und Ernte in einer Woche“, so Ines Hugh. Unterstützung erhält sie so oft wie möglich von ihrem Mann, sonst wäre es in dieser Zeit nicht zu schaffen. Gerade jetzt wo die Saison im vollen Lauf ist, gibt es eine Menge zu tun. Von Mai bis Juni tragen die Bienen Pollen und Nektar aus den Blüten zusammen. Um eine Wabe zu füllen braucht ein Bienenvolk mit bis zu 60000 Bienen etwa zwei Wochen. Dann heißt es für die Hobby-Imkerin rein in den Wagen, den Stock öffnen, die Waben entnehmen, sie entdeckeln und zum Schleudern bringen. Der Deckel wird von den Arbeiterbienen auf die gefüllte Wabe gesetzt, damit der Honig sich lange hält. Anschließend muss der geschleuderte und gefilterte Honig über eine längere Zeit täglich gerührt werden, damit er schön sämig wird. Der Weg zur Schleuder ist kurz für Ines Hugh. Ein kleiner abgetrennter Raum ist dafür gleich im Wagen eingerichtet. In der hintersten Ecke hat die große Schleuder ihren Platz gefunden. Über eine Kurbel kann diese mit Muskelkraft betrieben werden. Der Boden klebt leicht – kein Wunder, schließlich ist Hugh hier ununterbrochen am Ernten. Ihre 14 Völker liefern 300 bis 400 Kilogramm Honig im Jahr – das sind bis zu 800 Gläser. Ausschließlich im Privatverkauf vertreibt Ines Hugh ihr Erzeugnis. Das Schild „Honig aus eigener Herstellung“ an ihrem Grundstück im Zentrum Weinböhlas weißt darauf hin. „Hauptsächlich sind Privatleute meine Abnehmer aber manchmal nimmt auch ein Bäcker eine größere Menge ab“, berichtet Hugh stolz. Allerdings weiß sie auch, dass damit kein Geld zu machen ist: „Die Ausgaben werden gedeckt, aber rechnet man die Arbeitszeit gegen, so ist es betriebswirtschaftlich nicht rentabel.“ Ines Hugh betreibt das Hobby trotzdem mit Leib und Seele. Doch die Imkerei in Sachsen ist bedroht. Weniger ein mysteriöses Bienensterben wie in den USA ist dran schuld, sondern eine Veralterung der Imker. Und die Vereine beobachten kontinuierlich einen jährlichen Rückgang von ein bis zwei Prozent. Noch drastischer ist der Rückgang um 3000 Völker auf 25000 im Vergleich zum Vorjahr. „Das Durchschnittsalter bei sächsischen Imkern liegt bei über 60 Jahren“, weiß Roland Wicht, Vorstand des Landesverbandes Sächsischer Imker e.V., mit Sorge zu berichten. „Klar, dass ein 70 oder 80-jähriger Imker keinen hohen Bienenbestand mehr halten kann“, setzt Wicht fort. Auch im Imkerverein Coswig-Weinböhla sieht es da nicht besser aus. Ines Hugh zählt mit ihren 42 Jahren zu den Junioren der Imkerei. „Im Verein haben wir einen sehr jungen Imker, er ist Anfang 20, aber dann komme schon ich“, sagt sie etwas nachdenklich. Als sie vor vier Jahren einen Zeitungsbericht über einen 90-jährigen Imker gelesen hatte wurde sie von dem Fieber angesteckt. Hugh erzählte davon ihrem Mann, doch schnell musste der feststellen,
dass er genug mit dem Haus, der Musik und der Arbeit zu tun hat, also nahm sie sich dem Hobby selbst an. Die Voraussetzungen waren ideal: Ihr Vater ist seit 1990 Hobby-Imker. „Von ihm konnte ich dankenswerterweise viel lernen“, sagt Hugh etwas stolz. Sie begann mit drei Völkern, beschäftigte sich mit der Materie und schaffte sich vor einem Jahr den großen Imkerwagen von einem ehemaligen Imker an und hat heute 14 eigene Völker. Nicht nur für die Hobby-Imkerin ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Veralterung stoppt. Auch Wicht vom Landesverband weiß, dass etwas gegen den Nachwuchsmangel getan werden muss. „Wir fördern Lehrbienenstände in Vereinen und Schulen und bieten Lehrgänge für die Imkerei an“, so der Vorsitzende, der selbst seit über 20 Jahren Imker ist. So kann er stolz berichten, dass für das nächste Jahr immerhin schon 80 Neuanmeldungen in sächsischen Vereinen eingegangen sind. Ines Hugh beginnt im Kleinen und setzt auf ihren Sohn, dass auch er an den Honigbienen eine Leidenschaft entdeckt. So nahm sie ihn einmal mit, um ein ausgeschwärmtes Bienenvolk in einem Garten einzufangen. Als Dank überließ sie es dem 10-Jährigen, der heute stolz von seinem Bienenvolk spricht. An dem Bienen-Wagen hängt ein Schild „Vorsicht Stechgefahr“. Gebaut ist er etwa um 1984. „Mein Vorgänger ging mit ihm auf Wanderung, er lebte mit seine Frau und den Bienen für mehrere Wochen im Wagen“, so Hugh. Heute steht er in der Nassau, am Weinböhlaer Haltepunkt und ist von Pflanzen eingewachsen. „Die Gegend ist ideal: Wir haben hier weite Felder und auch zahlreiche Gärten in der Gegend“, so Hugh über den Standort. Die Bienen schwärmen zwei bis drei Kilometer im Umkreis aus und kehren mit Pollen und Nektar zurück zum Wagen. „Im Grunde entscheiden die Landwirte in der Umgebung, was wir für einen Honig erhalten. Letztes Jahr konnte ich meine Sorte „Frühjahrsblüte“ nach einer Analyse sogar in „Raps-Honig“ umbenennen“, so die Hobby-Imkerin. Während die Bienen von Blüte zu Blüte fliegen und fleißig sammeln, fällt für die Landwirtschaft etwas Entscheidendes ab, nämlich die Bestäubung und die bedeutet mehr Ertrag. „Die Landwirtschaft muss sich bewusst sein, dass die Bestäubungsleistung zu 80 Prozent von den Honigbienen erbracht wird“, sagt Wicht mit aller Deutlichkeit. Dass die Handlungen der Landwirte aber auch eine Gefahr mitbringt wissen die Imker: „Die Insektizide auf den Feldern bringen nicht nur ungewollte Käfer um, sondern setzen auch der Biene stark zu“, so Roland Wicht. „Kommt die Biene mit den Mitteln in Kontakt stirbt sie deshalb nicht gleich, aber es kann sein, dass sie vom Volk nicht mehr aufgenommen wird, da sie einen anderen Geruch trägt.“ Immer Häufiger kommt es zu einem kompletten Lehrbleiben einzelner Stöcke, aber einen Nachweis können die Imker nicht bringen. Eine ständige Gefahr für die Bienen stellt auch die Varroa-Milbe dar. „Doch diese lässt sich in Griff bekommen“, so Wicht. Durch eine gute Völkerführung, entsprechende Kontrollen und Behandlungen kann die seit Ende der 70 Jahre aus Asien eingeschleppte Milbe in Schach gehalten werden. Dem Winter fallen etwa 10 Prozent der Bienen zum Opfer. Bei Ines Hugh aus Weinböhla war das auch dieses Jahr trotz des milden Winters nicht anders. Vielmehr war sie, wie alle Imker, von der frühen Blüte überrascht: „Die milden Temperaturen sorgten dafür, dass wir dieses Jahr schon im April Honig ernten konnten – einen Monat früher.“ „Die Natur war einen Monat voraus und alles blühte auf einmal, die Bienen konnten das nicht aufholen, aber die Imker kommen damit schon klar“, weiß auch Wicht zu berichten. „Wir Imker in Sachsen kämpfen mit der Summe an Problemen“, fasst Wicht zusammen, aber er ist optimistisch, dass sie es auch mit Unterstützung aller Partner schaffen, dieses doch so wichtige Insekt zu erhalten und bei anderen Menschen die Leidenschaft für die Imkerei zu wecken. So summt und brummt es also Tag für Tag vor dem Wagen von Ines Hugh bis im Juli die Ernte abgeschlossen wird und die Bienen bereits wieder Winterfest gemacht werden. Ines Hugh streift sich den weißen Imkeranzug ab, schließt ihren Wagen ab und lässt die Bienen für heute hinter sich.