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Der Vater aller Türken strahlt in purem Metall
Von Stefan Dietrich, für die Fachzeitschrift MünzenRevue 01/2008

Münzen und Banknoten, Münzhändler in Istanbul und Kleingeld für ein Glas türkischen Tee

Der Euro scheint für die Türken noch in weiter Ferne. Zum verwechseln ähnlich sehen sie sich aber trotzdem die Neuen Türkische Lira und die Euro-Münzen. Die 50 Kurus-Münze ähnelt in Größe, Gewicht und Aufbau mit silbernem Kern und goldenem Rand der 1-Euro-Münze. Und die Ein-Lira-Münze sieht dem europäischen Zwei-Euro-Stück zum verwechseln ähnlich, ist aber nur etwa ein Viertel soviel Wert.
Nur genaueres Hinsehen vermeidet da ein Minus-Geschäft. Die Türkischen Münzen und Geldscheine sind alle durchweg mit dem Portrait des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk („Vater der Türken“) geschmückt. Bis heute Verehren ihn die Türken nicht nur auf den Münzen: In keinem öffentlichen Gebäude fehlt sein Portrait über dem Schreibtisch, vor Schulen prangt sein Konterfei in Messing gegossen. Atatürk ist allgegenwärtig. Nach dessen Tod im Jahr 1938 zeigten die Banknoten zwischenzeitlich das Abbild des neuen Präsidenten Ismet Inönü. In den 50ern wurde wieder das Atatürk Portrait gedruckt, die Rückseiten zeigen Kultur- und Naturdenkmäler der Türkei.
Auch wenn die Vorderseiten von Banknoten und die Rückseiten von Münzen Atatürk zeigen, werden die Bilder nicht langweilig: Die Abbildungen stammen aus unterschiedlichen Zeiten und mal ist er im Seitenprofil und mal frontal dargestellt.
Noch bis Ende 2004 waren alle Türken Millionäre. Um Alltagsgegenstände jedoch zu bezahlen, waren teilweise ganze Geldbündel nötig. Als die türkische Zentralbank in einer Währungsreform sechs Nullen an der Währung im von Inflationen geplagten Land strich, verarmten die Türken scheinbar schlagartig. Die Geldscheine in den Werten 100.000, 250.000 und 500.000, sowie 1, 5, 10 und 20 Millionen wurden genauso abgelöst, wie die Münzen zu 25.000, 50.000, 100.000 und 250.000 Lira. An deren Stelle traten neue Banknoten zu 1, 5, 10, 20, 50 und 100 Yeni Türk Lirasi (Neue Türkische Lira/YTL), sowie Münzen in den Nominalen 1, 5, 10, 25 und 50 Yeni Kurus und 1 YTL.
Die alten Lira Scheine und Münzen galten parallel zu den neuen bis Ende 2005. Erst ab 2016 verlieren sie jedoch ihren Wert endgültig, bis dahin tauschen Zweigstellen der Zentralbank die Banknoten in Neue Türkische Lira um.
Die Millionen-Denkweise ist bei den türkischen Händlern stellenweise bis heute noch nicht aus den Köpfen verschwunden: Der ein oder andere Tourist wird hellhörig, wenn das Kilo Weintrauben auf dem Obstbasar plötzlich iki milyon (zwei Millionen) kosten soll, gemeint sind dann 2 YTL.
Mit der Währungsreform gewann der in den 80er Jahren durch Inflation verschwundene Kurus zu neuem Glanz. Doch einer bleibt bedroht: Die 1 Kurus-Münze findet man im heutigen Zahlungsverkehr so gut wie nie und die 5 Kurus-Münze ist stark bedroht. Preise wie 5,76 YTL oder 17,38 YTL werden selbst in großen Supermärkten von den Kassierern auf volle Fünfer oder Zehner aufgerundet, also: 5,75 YTL und 17,40 YTL. Auf den Basaren werden gern auch mal halbe oder ganze Neue türkische Lira daraus.
Türkische Händler leiden scheinbar an chronischem Wechselgeldmangel. Zehn Postkarten für 1 YTL mit einem 10 YTL-Schein bezahlen zu wollen, grenzt für den Händler schon fast an Frechheit. Kein Wunder! Ein Blick in die Kasse zeigt, dass diese fast immer leer ist. Einnahmen werden anscheinend regelmäßig weggeschleppt.
Dabei wird in einigen Cafés, Bäckereien und Familienläden in Istanbul dem Posten des Kassierers eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Nicht selten sitzt auf dem Ägyptischen Basar in Istanbul an den Ständen ein älterer Herr hinter seiner Kasse verschanzt und kassiert die Touristen ab. Zuvor wurden sie von einem Verkäufer bedient. Mit dem Hinweis: „Er ist der Chef, er liebt Geld“, und einem Zwinkern wird man an den Kassierer weitergeleitet. Der Alltag des türkischen Geldes ist sowieso hart. Drängen sich doch Münzen und Geldscheine in der engen Hosentasche der Herren dicht beieinander. Ein Portemonnaie kennen nur die wenigsten. Schnell ist Kleingeld für jede Situation greifbar. Sei es für ein Glas türkischen Tee, auf einer Fähre zwischen den Kontinenten in Istanbul, als Spende für Bedürftige oder einfach zum Einkaufen - Kleingeld wird immer gebraucht.

Stefan Dietrich